Szenendekonstruktion mit Tim Sidell BSC

Mai 19, 2026

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der hochgelobten zweiten Staffel von „The Night Manager“, die jetzt auf Amazon Prime zu sehen ist. Nach dem Erfolg der ersten Staffel erhielt die Serie Nominierungen bei den Primetime Emmy Awards, den Golden Globes und den BAFTA Awards. Die Auszeichnungen und Lobeshymnen unterstrichen die herausragenden schauspielerischen Leistungen, die Regie und die Produktionsqualität.

Unter der Regie von Georgi Banks-Davies und gedreht von Kameramann Tim Sidell BSC mit der Sony VENICE 2 begleitet die zweite Staffel den ehemaligen Soldaten und jetzigen Undercover-Agenten Jonathan Pine (Tom Hiddleston) auf seiner Suche nach der Wahrheit. Seine Ermittlungen führen ihn auf eine Spur aus Spionage und Verrat, und schließlich steht er in Kolumbien erneut dem skrupellosen Waffenhändler Richard Roper (Hugh Laurie) gegenüber.

Wichtige Erkenntnisse:

  • Aufnahmen, die den Eindruck von Handkameraaufnahmen vermitteln, aber eleganter geführt werden, lassen sich erzielen, indem man die Kamera unterhalb eines Jib-Arms befestigt. Da die Dämpfung gering oder gar nicht vorhanden ist, lässt sich die Kamera wie eine Handkamera bedienen, ohne dass es zu übermäßigem Schwanken oder Verwacklungen kommt.
  • Die Kunstabteilung leistet einen wesentlichen Beitrag zum Erscheinungsbild einer Szene. Die Wahl der Farben und Materialien bei der Gestaltung und dem Aufbau des Sets beeinflusst, wie das Licht in die Szene fällt oder im Aufnahmebereich reflektiert wird.
  • Lichter, die auf Dolly-Systemen und Schienen außerhalb eines Fensters montiert sind und dort mithilfe von Seilen entlang der Strecke bewegt werden, können wandernde Lichtkegel erzeugen, die an Scheinwerfer eines Autos erinnern.
„The Night Manager“ – Intime Gesprächsszene

Tims Inspiration für den Gesamtlook der Serie stammte aus Spionagefilmen wie Francis Ford Coppolas Film „The Conversation“ aus dem Jahr 1974. Tim nutzte bewusst eingeschränkte Kamerawinkel und sehr lange Brennweiten, um dem Publikum das Gefühl zu geben, Gespräche heimlich zu belauschen.

Wir hatten großen Spaß daran, mit Subjektivität zu spielen, und das hat sich auf unsere Kamerabewegungen und die von uns verwendeten Objektive ausgewirkt.

Tim Sidell BSC
„The Night Manager“ – Spannungs-Porträt der Figuren

Subjektivität ist eines von Tims visuellen Markenzeichen. Er setzt die Kamera auf eine bestimmte Weise ein, um die Identität einer Figur zu ergründen. Außerdem liebt er es, die Kamera mit einer Person zu bewegen und sie auf sie auszurichten, um nicht nur den Eindruck zu vermitteln, dass man zusieht, sondern dass man die Erfahrungen dieser Figur miterlebt.

Um einen authentischeren, spannungsgeladeneren und spontaneren Look zu erzielen, anstatt Szenen einzustudieren, wurde die Szene zunächst für die Beleuchtung und zur Festlegung der wichtigsten Kamerapositionen durchgespielt; danach ging das Team jedoch direkt zu einer ungeprobten Aufnahme über.

Warum hat sich Tim für die Sony VENICE 2 entschieden?

Ich benutze sie [VENICE 2] schon seitdem sie auf dem Markt ist und bin begeistert. Manche Digitalkameras haben keine besonders angenehme Haptik– sofern man überhaupt von einer solchen sprechen kann. Ich habe festgestellt, dass ich mit der VENICE 2 eine gewisse Textur erzielen kann … Aber in erster Linie geht es um die Farbe: Die VENICE 2 gibt Farben auf sehr natürliche Weise wieder, was sich besonders bei Hauttönen zeigt. In diesen sind mehr Emotionen erkennbar als bei anderen Kameras.

Tim Sidell BSC

Als Hauptobjektive dienten Leitz-HUGO-Festbrennweiten, doch für die Szenen, in denen Pine unter seinem Decknamen als Banker Matthew Ellis auftrat, verwendete Tim seine eigenen, von TLS umgebauten Mamiya-645-Sekor-C-Mittelformatobjektive.

Szene 1: Geisel

Diese Szene spielt in einem Hotelzimmer, in dem Roxana (Camila Morrone) als Geisel festgehalten wird. Um ein Gefühl der Gefahr zu erzeugen, wird der Raum abgedunkelt.

Tim filmte oft mit zwei Kameras, und der Zeitplan war eng. Um den Drehvorgang zu beschleunigen, wurde der Raum daher mit vier bis sechs sanften LED-Lichtern beleuchtet, die knapp oberhalb der Bildoberkante kreisförmig im Raum angeordnet waren. Jedes Licht war an einen Dimmer angeschlossen. So konnte die Helligkeit angepasst werden, während sich das Team im Raum bewegte, um eine gleichmäßige Hintergrundbeleuchtung mit sanftem Fülllicht von vorne zu erzielen.

„The Night Manager“ – Konfrontationsszenen zwischen Roxana und Jonathan
Die Beleuchtungskonfiguration für das Schlafzimmer in „The Night Manager“

Um einen Farbkontrast zu schaffen, wurden praktische Leuchten angebracht. Tim brachte eine grün-gelbe Leuchtstoffröhre über dem Spiegel am Waschbecken und eine Tischlampe mit warmem Wolframlicht neben dem Bett an. Um dem Ganzen einen kräftigen Farbtupfer zu verleihen, wurden vor dem Schlafzimmerfenster neonrote Lichter angebracht. Der Schein dieser Lichter sorgte auf den Wänden und den Gesichtern der Darsteller für eine düstere, aber auch spannende Bildwirkung.

Das ist die VENICE 2 in Aktion – die Schattendetails sind phänomenal, die Farben sind satt, das Bild wirkt organisch. Manche Kameras neigen zu einem starken Cyan-Anteil, wirken etwas monochrom oder blockartig, doch nicht die VENICE 2. Sie geht tief, tief, tief, genau wie Film.

Tim Sidell BSC

Szene 2: Die Dokumente

In dieser Szene bricht Pine in ein Büro ein, um Versanddokumente zu stehlen, die er als Beweismittel gegen Roper verwenden will. Im Drehbuch wird bei dieser Szene beschrieben, wie Pine in einem dunklen Büro sitzt. Tim erklärt, dass dies ein klassisches Problem der Kameraführung ist; der Raum kann nicht komplett dunkel sein, wir müssen etwas sehen – was also können wir sehen? Um diese düstere Szene wirklich zum Leben zu erwecken und neben dem dezenten grünlichen Leuchtstofflicht und dem orangefarbenen Natriumdampflicht noch weitere Effekte zu erzielen, beschloss Tim, Lichtstreifen quer durch den Raum zu projizieren, als würden draußen Autos mit hellen Scheinwerfern vorbeifahren. Dieses Licht brachte sowohl Bewegung als auch wechselnde Helligkeit in die Szene.

„The Night Manager“ – Innenaufnahme bei schlechten Lichtverhältnissen

Um diesen Effekt zu erzielen, montierte Tims Beleuchter 2K- und 1K-Lichtquellen auf Dolly-Schienen. Die Beleuchter zogen die Leuchten mithilfe von Seilen über die Schienen, um die Illusion eines vorbeifahrenden Autos zu erzeugen. Sie stellten fest, dass der Effekt noch überzeugender war, wenn das Licht nicht direkt in den Raum strahlte, sondern von mehreren Reflektorplatten gegenüber den Fenstern zurückgeworfen wurde. Dadurch wanderte das Licht mehrmals hin und her und verlieh der Szene einen rhythmischen Charakter. Durch die Bewegung der Lichtquellen konnte Tim wesentlich stärkere Lichtintensitäten einsetzen, als es bei statischer Beleuchtung angemessen gewesen wäre.

Bewegungssequenz im Zimmer in „The Night Manager“

Eine weitere Methode, mit der Tim gerne Bewegung in eine Aufnahme bringt, ist das Filmen aus der Hand. Außerdem greift er auch gerne auf eine Technik zurück, die er „Floaty Jib“ nennt. Bei dieser Technik wird ein Atlas 7-Fluidkopf verwendet, um eine Kamera unterhalb eines Auslegerarms zu befestigen. Da nur minimale Dämpfung eingesetzt wird, behält die Aufnahme ihr Handheld-Feeling, doch die Bewegung wirkt ausgefeilter. Da die Kamera an einem Ausleger montiert ist, lassen sich damit ganz einfach Aufnahmen aus der Schulterperspektive, Perspektivenaufnahmen sowie Aufnahmen erstellen, bei denen die Kamera nach oben oder unten schwenkt. Tim setzte in dieser Szene den „Floaty Jib“ ein, um sanfte und ruhige Bewegungen zu erzeugen, die es dem Publikum ermöglichen, sich zurückzulehnen und einfach nur zu beobachten, was in der Szene geschieht.

Szene 3: Heimkehr

In dieser Szene kehrt Roxana in das alte und heruntergekommene Ferienhaus ihrer Familie zurück. Das für den Film genutzte Haus hatte eine Fassade mit interessanter Struktur, doch innen waren die Wände zunächst nur weiß. Tim arbeitete mit dem Produktionsdesigner Víctor Molero und dessen Team zusammen, um eine Reihe von Farben und Texturen für den Innenbereich zu entwickeln. Die gesamte Beleuchtung für die Szene, einschließlich der Innenaufnahmen, erfolgte von außen, wobei größtenteils 6K-HMI-Scheinwerfer zum Einsatz kamen, die auf dem Boden unterhalb der Fenster aufgestellt waren. Diese wurden nach oben gerichtet und über verschiedene Reflektionsflächen zurück durch die Fenster ins Haus und in Richtung Boden gelenkt.

„The Night Manager“ – Außenaufnahme des Ferienhauses von Roxanas Familie

Um eine sonnige Atmosphäre zu erzeugen, setzte Tim eine 6K-PAR-Lampe ein, die auf einen CRLS-Reflektor gerichtet wurde, um ein härteres Licht zu erzielen. CRLS ist ein System, das eine präzise Steuerung der Qualität des reflektierten Lichts ermöglicht, indem es spiegelartige Reflektoren mit unterschiedlichen Diffusionsgraden und Weichheitsstufen einsetzt.

Zusätzliche indirekte Lichtquellen wurden außerhalb des Bildausschnitts rund um die Fenster positioniert, um dort bei Bedarf für mehr Atmosphäre zu sorgen. Vor allem aber wollte Tim vermitteln, dass das einzige Licht in diesem heruntergekommenen Gebäude das Sonnenlicht von draußen ist. Gleichzeitig musste die Freiheit bewahrt werden, aus verschiedenen Perspektiven drehen zu können.

Szenen-Beleuchtungsdiagramm aus „The Night Manager“

Für jede Kamera wäre es eine Herausforderung gewesen, ausschließlich mit von außen einfallendem Licht zu drehen. Tim hatte jedoch das Gefühl, dass die VENICE 2 damit sehr gut umgehen konnte. Es kommt oft vor, dass die Schauspieler komplett im Gegenlicht stehen und ihre Gesichter um vier Blendenstufen unterbelichtet sind. Dennoch kann man ihre Mimik und ihre Gefühle deutlich erkennen.

„The Night Manager“ – Innerer Monolog-Szene

Die Dual-ISO-Funktion ist hervorragend – man kann auf Basis-ISO 800 arbeiten und auf 1600 EI gehen, um das Bild etwas anzuschieben oder die Lichter besser zu schützen; das ist sehr vielseitig

Tim Sidell BSC

Tim empfindet das ND-Filtersystem der VENICE 2 zudem als sehr befreiend. Er erklärt, dass er unabhängig von den Lichtverhältnissen blitzschnell die passende ND-Filterstärke wählen kann – von 0 bis 2,4 ND in ganzen Blendenstufen, sofort abrufbar.

Szene 4: Das Cabrera-Camp

Teddy (Diego Calva), einer von Ropers Handlangern, hat Pine in ein Lager im Dschungel gebracht. Pine wird auf den Boden einer kleinen Hütte geworfen, während Mitglieder von Ropers Bande ihn grob verhören. Tim wollte das Gefühl der Gefangenschaft verbildlichen, damit die Zuschauer nicht nur sehen, sondern auch spüren und verstehen, was Pine durchmachte. Um dies zu erreichen, nutzte Tim das VENICE Extension System, das die Sensoreinheit der Kamera vom Kameragehäuse trennt. Diesen nun viel kleineren und leichteren Kamerakopf konnte er einfach in der Hand halten. Das ermöglichte es ihm, die Bewegung bis hinunter zum Boden nachzuverfolgen, als Pine niedergestoßen wird. So wird das Gefühl aufrechterhalten, nicht nur Beobachter zu sein, sondern Teil des Geschehens.

„The Night Manager“ – Szene, in der Jonathan von seinen Widersachern konfrontiert wird

Tim stellt fest, dass er dank des geringeren Gewichts des Kamerakopfes beim Einsatz des VENICE Extension Systems die Kamera mit Hilfe seiner Rumpfmuskulatur halten und steuern kann. Die daraus resultierende Fluidität und Geschmeidigkeit kann mit einer schweren Kamera auf der Schulter nur schwer erreicht werden.

Das meiste Licht in dieser Szene fällt von außerhalb der Hütte herein, durch große, vergilbte und verschmutzte Plastikfolien, aus denen Teile der Wände bestehen. Dies zeigt einmal mehr, wie wichtig eine enge Zusammenarbeit mit der Kunstabteilung ist. Der Rest des Lichts besteht aus Braun- und Grüntönen, die vom Wald draußen und von der Holzkonstruktion stammen. Einmal spuckt Pine einen Mundvoll leuchtend roten Blutes aus, das einen starken Kontrast zu den gedämpfteren Braun- und Grüntönen im Rest der Hütte bildet.

„The Night Manager“ – Intensive Nahaufnahmen

Es war das erste Mal, dass Tim an einer Produktion mit einem ACES-Workflow (Academy Color Encoding System) gearbeitet hat. Die VENICE 2-Kamera verfügt über eine ACES-Monitoring-Pipeline, und die Metadaten in den 16-Bit-X-OCN-Dateien gewährleisten, dass die Videoaufnahmen während der ACES-Postproduktion korrekt verarbeitet werden. Tim hatte den Eindruck, dass das Academy Color Encoding System ihm eine bessere Farbtrennung ermöglichte und er dadurch mehr Kontrolle über die Farben in den Bildern hatte.

Tim sagt, die Arbeit an der zweiten Staffel von „The Night Manager“ sei eine wunderbare Erfahrung gewesen. Es war sein bisher größtes Projekt. Infolgedessen musste er einige Dinge loslassen und anderen erlauben, ihm zu helfen, aber letztendlich wurde das zu einer wirklich positiven Erfahrung.

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Herausgebracht von der Zeitschrift British Cinematographer in Zusammenarbeit mit Sony.