Drehtipps für bessere Hochzeitsvideos

Januar 24, 2019

Philip White gilt als einer der weltweit führenden Eventfilmer und hat bereits auf der ganzen Welt für Kunden wie Angehörige königlicher Familien und Stars aus Film, Fernsehen und Sport gedreht. Hier präsentiert Philip seine Expertentipps zur Kamera, zum Equipment und zu Aufnahmetechniken, damit sich auch Ihre Hochzeitsvideos von der Konkurrenz abheben können.

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Newcomer in der Hochzeitsvideografie bitten mich fast täglich um professionelle Ratschläge. In diesem Artikel verrate ich einige Tipps und Einblicke, die auf meiner eigenen Erfahrung basieren. Ich finde es aber viel wichtiger, eine Arbeitsweise zu entwickeln, die zum eigenen Stil als Videofilmer passt. Es überrascht viele zuerst, dass ich im Vergleich zu vielen anderen Videofilmern nicht mit einem Lieferwagen voller Equipment anrücke. Meine Tasche ist klein und enthält in der Regel meine Digitalkamera Sony α7S II und eine Handvoll kleiner Stimmrecorder von Sony. Vor Kurzem hatte ich zudem die Gelegenheit, eine PXW-FS5 auszuleihen. Dann noch ein Einbeinstativ und ein paar winzige Reisestative und fertig ist die Ausrüstung. Aber lassen Sie uns zur Sache kommen …

1. Der eigene Stil zählt

Beim Filmen von Hochzeiten gibt es keine „richtigen“ oder „falschen“ Methoden. Ich habe jedoch jeden Aspekt des Tagesablaufs genauestens analysiert – die Struktur, die Menschen und die Details – und all dies wirkt sich auf den Dreh aus. Mein persönlicher Ansatz beruht auf vier Schlüsselkonzepten:

  1. Einfachheit: Halten Sie alles so einfach wie möglich: Prozesse, Kommunikation, Aufnahme und Schnitt.
  2. Diskretion: Im Idealfall sollte niemand merken, dass Sie ein Video drehen. Mehr dazu später.
  3. Geschwindigkeit: Sie müssen sich frei bewegen und kreativ drehen können.
  4. Furchtlosigkeit: Außerdem müssen Sie genug Selbstvertrauen haben, auf Ihre eigene Weise zu arbeiten. Alle Videos sollten Ihren kreativen Stempel tragen.

2. Versuchen Sie nicht, einen Hollywood-Film zu drehen

Bei echten Filmen geht es um Kontrolle. Figuren und Schauplätze werden genau ausgewählt. Ein Drehbuch wird geschrieben und alles sorgfältig einstudiert. Wenn etwas nicht funktioniert, wird es nochmal gedreht. Aber als Hochzeitsfilmer hat man über diese wichtigen Aspekte nahezu keine Kontrolle: Figuren, Schauplätze und Beleuchtung werden komplett vorgegeben. Aber das können Sie auch zu Ihrem Vorteil nutzen. Gehen Sie die Sache eher wie eine Dokumentation und keinen Blockbuster an und vergessen Sie niemals, dass dies für Ihre Kunden ein ganz besonderer Tag und kein Filmset ist.

3. Einfach ist besser

Mit meinem minimalistischen Ansatz kann ich mich jederzeit frei bewegen. Ich habe mehr Zeit, Aufnahmen zusammenzustellen. Aber das Allerbeste daran ist, dass ich keine Aufmerksamkeit auf mich lenke.

4. Vertrautheit gewinnt

So mancher Videofilmer rückt mit sechs oder mehr Objektiven bei einer Hochzeit an, darunter auch riesige Zooms. Ich verwende hingegen nur zwei Objektive (85 mm für 95 % des Tages sowie ein 24 mm-Weitwinkelobjektiv), mit denen ich perfekt vertraut bin. Da ich den ganzen Tag mit der gleichen Brennweite arbeite, weiß ich instinktiv, wie mein Bild aussieht, noch bevor ich die Kamera in Position bringe. Konzentrieren Sie sich auf nur einige Objektive und Ihre Arbeit wird besser werden. Damit können Sie schneller arbeiten und sind gezwungen, interessantere Entscheidungen bezüglich der Komposition zu treffen.

5. Kein Equipment, kein Stigma

Außenstehende können sich nicht von dem Klischee aus den 90ern trennen, als Hochzeiten mit riesigen Videokameras gefilmt wurden. Natürlich gibt es einige tolle Technologien, von Drohnen bis zu Steadicams: Aber denken Sie doch erst mal nach. Sie wollen doch nicht im Weg stehen, die Tanzfläche umkreisen, einen störenden Helikopter oder gar ein riesiges, flauschiges Mikrofon mitbringen, das alles aufzeichnet, was gesagt wird. Versuchen Sie, das Equipment hauptsächlich auf die Kamera zu reduzieren. Lernen Sie, wie man sie richtig verwendet. Eine bessere Entscheidung können Sie nicht treffen.

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6. Einfache Kinotechniken einsetzen

Obwohl ich für den Dokumentationsstil bin, glaube ich auch, dass die Ergebnisse einen gewissen Kinolook haben können. Folgende Ideen könnten Sie ausprobieren.

Perspektive

Beim Filmen von Zeremonien oder Reden sollten Sie auch die Perspektive der Gäste beachten. In Filmen sehen wir Unterhaltungen in der Regel aus der Sicht der Person, die gerade zuhört. Während einer Hochzeit sitzen unsere Zuhörer fast immer. Die meisten Videofilmer positionieren ihre Stative jedoch an einer hohen Stelle, weit weg vom Geschehen. Versuchen Sie, die Perspektive eines Gastes zu emulieren: Setzen Sie sich auf einen Sessel, gehen Sie nah ran und filmen Sie aus niedrigen Perspektiven.

Bewegung, die den Moment darstellt

In Filmen imitiert die Kamerabewegung oft das Geschehen. Eine Unterhaltung in einem Café ist nahezu statisch, während eine Kampfszene oft in einem ziemlich chaotischen Stil mit viel Kamerabewegung gedreht wird. Damit werden die Zuschauer Teil der Szene – ein Trick, den wir auch bei einer Hochzeit anwenden können. Gehen wir einmal durch, aus welchen Szenen eine typische Hochzeit besteht. Die Vorbereitungen (Bewegung), Reden (praktisch keine), Konfetti und Umarmungen nach der Zeremonie (viel Bewegung) und Tanzen (wieder viel Bewegung). Für diese Kinotechnik braucht man nur eine Kamera und sie muss nicht unnötige Aufmerksamkeit auf sich lenken. Sie müssen nur entscheiden, ob Sie ein Stativ oder Einbeinstativ einsetzen oder nur mit der Hand drehen.

Gespräche

Wenn Sie die Reden mit zwei oder mehreren Kameras filmen, sollten Sie die Motive so positionieren, dass sie eine Unterhaltung aus verschiedenen Winkeln darstellen. So sollte das Motiv von Kamera 1 z. B. links von dem in Kamera 2 stehen, wie bei einem Gespräch. Das ist eine weitere, ganz einfache Kinotechnik.

7. Eine neue Dimension mit Ton

Tollen Ton aufzunehmen, muss nicht kompliziert sein. Ich halte nichts von großen Mikrofonen auf der Kamera – das lenkt nur die Aufmerksamkeit auf Sie und macht die Menschen nervös. Zeremonien und Reden sollten Sie so einfach wie möglich halten. Ich stecke einen winzigen Audio-Recorder von Sony in die Tasche des Sprechers und ein Lavaliermikrofon an das Jackett. Es ist klein, einfach und liefert tolle Ergebnisse. Man kann Ton aber auch ganz anders erstellen. Achten Sie während des Drehtags auf Wind, Autos auf Kies, Vogelstimmen oder Verkehr. Anstatt zu versuchen, das alles aufzunehmen, merken Sie sie sich diese Klänge einfach und fügen Sie sie später aus einer Auswahl von Stock-Audio-Webseiten ein. Das kostet Sie nichts und spart Ihnen gut und gerne 30 Arbeitsminuten. Und meistens klingt es auch besser.

8. Die Geschichte kreativ erzählen

Geschichten interessant zu erzählen, ist ein wesentlicher Aspekt Ihres Handwerks. Oft lohnt sich ein „nicht-linearer“ Ansatz, also ein Film, der nicht der Reihe nach alles von Anfang bis Ende erzählt. Viele Videofilmer fügen Ausschnitte aus der Zeremonie und den Reden in den ganzen Film ein, um die Geschichte der Hochzeit besser zu erzählen. Dabei können Sie so dynamisch sein, wie Sie wollen. Versuchen Sie, das Video mit Tanzen beginnen und enden zu lassen. Oder nutzen Sie Bilder vom Aufbau oder Interviews mit der Braut und dem Bräutigam vom Vortag. Es gibt keine festen Regeln! Oft ist es auch schön, für den jeweiligen Sprecher relevantes B-Roll-Material einzufügen. Während der Vater der Braut über seine schönen Enkelkinder spricht, könnten Sie gleichzeitig einige Aufnahmen von ihnen zeigen. Das ist eine gute Methode, um Ihren Zuschauern die Figuren näher zu bringen. Außerdem liebe ich es, Gegenstände für die Nachwelt zu erfassen. Es mag zwar merkwürdig wirken, Zeitungsüberschriften, Handys oder das Auto von Onkel Klaus zu zeigen. In 20 Jahren erwecken diese Details die Hochzeit jedoch wieder richtig zum Leben. Stellen Sie sich vor, Sie und das Paar reisen zum ersten Mal in ein anderes Land. Beim Filmen im Ausland wandern unsere Augen automatisch zu allem, was an Gebäuden oder der Umgebung anders ist. Ich nenne das meine „Postkartentheorie“. Aber beim Drehen im eigenen Land betrachten wir alltägliche Dinge als selbstverständlich. Suchen Sie nach der Schönheit in allen Dingen und zeichnen Sie sie kreativ auf!

Oft ist es auch schön, für den jeweiligen Sprecher relevantes B-Roll-Material einzufügen – eine gute Methode, um Ihren Zuschauern die Figuren näher zu bringen.

Philip White
Acclaimed film maker

9. Denken Sie an Ihr Geschäft

Überlegen Sie sich, wie Sie Ihren Gewinn weiter steigern und Ihren Kunden gleichzeitig einen unvergesslichen Tag bescheren können. Leistungsstarke Schnittwerkzeuge machen es heute einfacher denn je, noch vor Ort ein kurzes Videos mit den Highlights zusammenzustellen, das man dem Brautpaar und den Gästen noch bei der Feier zeigen kann. Außerdem können Sie Upgrades zu 4K oder sogar einen Link zum digitalen Download für Familie und Freunde anbieten.

10. Drehen Sie für sich

Drehen Sie die Hochzeit für sich selbst und nicht nur das Paar. Klingt komisch? Vielleicht schon, vergessen Sie aber nie, dass man Sie als Künstler engagiert hat, weil den Kunden Ihre Arbeit gefällt. Wenn Sie stur nach einer Liste arbeiten oder ständig denken „Habe ich auch genug Bilder von der Familie der Braut“, ist Langeweile vorprogrammiert. In Handschellen kann man kein Meisterwerk malen. Ihr Ziel sollte es sein, gut aufgebaute und kreative Bilder in Ihrem eigenen Stil zu drehen, die man leicht zusammen schneiden kann. Denken Sie gar nicht erst daran, was Ihre Wettbewerber tun. Wie Albert Einstein schon sagte: „Seien Sie eine Stimme, kein Echo“. Auf der Suche nach Inspiration sollten Sie einige echte Filme ansehen und diese Methoden in Ihre eigene Arbeit integrieren und nicht das kopieren, was der Videofilmer aus der nächsten Straße macht.