Innovation der nächsten Generation: Nutzergenerierte Inhalte und die Nachrichtenproduktion

Was sollte an erster Stelle stehen: Innovation oder Notwendigkeit? Sollten wir den Schwerpunkt auf die Entwicklung neuer Technologien für spezifische Anforderungen legen oder bereits vorhandene Technologien an neue Zwecke anpassen? Meiner Meinung nach ist beides gleich wichtig. Und zwar insbesondere in der Welt des Broadcasting, wo modernste Technologien ein Muss sind. Eines wird jedenfalls immer offensichtlicher, je mehr nutzergenerierte Inhalte (user-generated content, UGC) wir von Bürgerjournalisten in der Nachrichtenberichterstattung sehen: Verbrauchertechnologien beeinflussen die professionelle Nachrichtenproduktion.

Social Media – bisherige Erkenntnisse und künftiges Potenzial

Social-Media-Plattformen können Aufschluss über Nachrichtentrends und die allgemeine Stimmung geben. Sie können als Forum für die Reaktionen und Erklärungen von Politikern dienen. In den letzten Jahren sind sie jedoch auch zur ersten Anlaufstelle für nutzergenerierte Inhalte geworden. Bürgerjournalisten benötigen lediglich ein Social-Media-Konto und ein Smartphone – und schon können sie sich als mobile Ein-Mann- oder Ein-Frau-Broadcaster betätigen und ihre Inhalte auf Knopfdruck mit der Welt teilen. Dank 4K-Smartphones und einfach zu bedienenden Apps zur Videobearbeitung verbessert sich die Qualität der mit diesen Tools erstellten Inhalte immer weiter. Und mit der Einführung von 5G lässt auch die universelle Konnektivität nicht mehr lange auf sich warten. Noch wichtiger ist jedoch, dass es sozialen Netzwerken gelungen ist, beeindruckende Mechanismen zur Verteilung von Inhalten zu entwickeln. Mithilfe der Positionsbestimmung und von Verhaltensdaten sind Plattformen in der Lage, bestimmten Zielgruppen relevante und spezifische Inhalte zu präsentieren. In einer Welt mit Unmengen von Inhalten ist es schwierig, zielgerichtet zu agieren, und eine Zielgruppe, deren Aufmerksamkeit man gewinnen kann, ist Gold wert. Wenn Nachrichtenorganisationen ähnliche Mechanismen verwenden könnten, würden sie sowohl die Beschaffung als auch die Verteilung von Inhalten verbessern. Mit solchen Daten wäre bei Nachrichtenereignissen ein nahezu sofortiger Zugang zu Augenzeugenberichten gegeben, was die Zeit bis zur Ausstrahlung des besten Inhalts verkürzt. Wenn man noch weiter in die Zukunft blickt, würde dies bedeuten, dass die Nachrichtenproduktion punktgenauer und persönlicher gestaltet werden kann, um kleinere, aber dafür engagiertere Zielgruppen anzusprechen: die richtigen Inhalte für die richtige Zielgruppe in kürzerer Zeit. Und die Nachfrage nach Videoinhalten ist offensichtlich vorhanden.

Steigende Nachfrage nach Nachrichten

Eine Verbraucherforschung von IHS Markit ergab, dass Nachrichten schon jetzt zu den Videoinhalten zählen, auf die Nutzer unterwegs am häufigsten von ihren Mobilgeräten aus zugreifen. Fast 40 % der Nutzer von Mobilgeräten beziehen täglich Nachrichten über ihre Geräte und nahezu drei Viertel der Befragten tun dies mindestens einmal pro Woche. Je mehr Videos abgerufen werden, desto mehr Videos werden produziert – und umgekehrt. Deshalb können wir von einem weiteren Anstieg ausgehen, wobei der Trend durch Augmented Reality und Wearables zukünftig wohl weiter an Fahrt aufnehmen dürfte. Ganz gleich, ob es sich hierbei um Brillen, Uhren oder ein Lifelogging-Tool handelt: Diese Geräte sind darauf ausgelegt, unsere Interaktion mit der Welt nahezu fortlaufend zu bereichern. Das führt möglicherweise dazu, dass wir ununterbrochen mit dem Internet verbunden sind und dadurch unsere Umgebung ständig aufzeichnen und riesige Mengen nutzergenerierter Inhalte produzieren. Einem von Sony in Auftrag gegebenem IHS Markit-Bericht zufolge werden nutzergenerierte Inhalte bereits Ende dieses Jahres 10 % aller Online-Inhalte ausmachen. Bis 2025 wird dieser Wert voraussichtlich auf knapp unter 20 % ansteigen. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass allein auf YouTube jede Minute rund 400 Stunden Video hochgeladen werden. Und je mehr Terabyte und Petabyte an Inhalt produziert werden, desto wichtiger wird, wie wir diese Inhalte verarbeiten, verwalten und verwenden.

Verwaltung und Koordinierung

Die Zeiten, in denen Filmbänder mit Nachrichtensendungen in staubigen Kellern oder auf den Schreibtischen der Redakteure herumlagen, gehören längst der Vergangenheit an. Archivregale und Wägelchen mit Filmbändern sind mittlerweile von Server-Racks abgelöst worden. Doch auch digitale Inhalte sind für wettbewerbsorientierte Nachrichtenorganisationen mit Herausforderungen verbunden, insbesondere, wenn sie sowohl nutzergenerierte als auch eigene Inhalte verwenden wollen. Mit dem rasanten Anstieg und den sich wandelnden Workflows sind die Anforderungen aber auch klarer geworden:

  • Speicherung – große Mengen von Inhalten müssen sicher aufbewahrt und langfristig archiviert werden.
  • Zusammenarbeit – Journalisten und Redakteure müssen Inhalte reibungslos und einfach teilen können.
  • Formate – alle Audio-, Video- oder Bilddatei-Formate müssen auf jeder Plattform bzw. jedem Gerät einsetzbar sein.
  • Standortunabhängiger Zugriff – cloudbasiert, damit es keine Einschränkung in Bezug auf den Standort gibt.
  • Geschwindigkeit – alle Inhalte müssen zugänglich sein, ob sie erst kürzlich hinzugekommen sind oder bereits vor langer Zeit archiviert wurden. Schnell.

Das waren die zentralen Überlegungen hinter dem Design und der Entwicklung unseres Multiplattform-Produktionssystems Media Backbone Hive. Unser Ziel besteht darin, Broadcast-Workflows zu optimieren, und unser System ist darauf ausgelegt, die Nachrichtenproduktion schnell, intelligent und effizienter zu gestalten – für eigene Inhalte ebenso wie für nutzergenerierte Inhalte. Das entspricht unserem Verständnis von Innovation.

Was erwartet uns sonst noch?

Technologie hält immer mehr Einzug in den Journalismus, ob in Form von Hardware, Software oder Algorithmen. Durch Drohnen werden Luftaufnahmen günstiger und sicherer und es können Orte erreicht werden, an denen eine Berichterstattung normalerweise nicht möglich wäre. Gesichtserkennungsprogramme tragen dazu bei, Gesichter in einer Masse besser zu identifizieren. Die gleiche Funktionalität könnte zur Erkennung von Orientierungspunkten und zur Überprüfung der Authentizität nutzergenerierter Inhalte eingesetzt werden. Was die nutzergenerierten Inhalte anbelangt, reagieren wir als Branche auf das, was Bürgerjournalisten produzieren. Möge dieser Trend lange anhalten.

IHS Markit Report – Citizen journalism: The value of effectively leveraging user-generated content for news provision