Wenn KI für Medienunternehmen zu viel des Guten ist
Von Stuart Almond, Head of Intelligent Media Services bei Sony Professional Solutions Europe

Wie können wir sicherstellen, dass die Nutzung von KI allen Beteiligten zugutekommt?
Dank neuer Technologien können wir heute, im digitalen Zeitalter, wahr werden lassen, was früher als ausgeschlossen galt. Künstliche Intelligenz (KI) erfüllt vom virtuellen Assistenten auf dem Smartphone über automatische Finanztransaktionen bis zu militärischen Raumfahrtanwendungen eine zentrale Rolle dabei, Abläufe in allen Bereichen effizienter, leistungsfähiger und kreativer zu gestalten.
Nach Einschätzung des Weltwirtschaftsforums dürfte die KI-Industrie bis 2025 jährlich um 50 % wachsen und dann beeindruckende 127 Mrd. USD wert sein. Dieser Umstand wird auch für die Medien- und Unterhaltungsbranche stark spürbare Auswirkungen mit sich bringen. PwC zufolge dürfte KI jährlich um die 150 Mrd. USD zu dieser Branche beisteuern.
KI birgt ein enormes Potenzial für die Transformation der Art und Weise, auf die Medienunternehmen Inhalte beschaffen, bearbeiten und verteilen. KI kann diese Vorgänge effizienter machen, Inkonsistenzen beseitigen und zur Wertschöpfung beitragen, wie es bisher noch nicht möglich ist. Im Wesentlichen geht es darum, mithilfe der Kombination von Spitzeninhalten und Personalisierung Zielgruppen rund um den Globus nahtlose, aussagekräftige Nachrichten bereitzustellen.
Da eine Zukunft mit KI unausweichlich zu sein scheint, ist es von größter Bedeutung, sie richtig einzusetzen – und das beginnt mit der anzuwendenden Ethik. Hochmoderne neue KI-Technologien werden an allen Kontaktpunkten von der Erstellung bis zur Nutzung von Inhalten immer schneller entwickelt und eingeführt. Damit wächst die Verantwortung Nutzern wie Anbietern der entsprechenden Technologien gegenüber, die ethischen Folgen dieser Technologien zu berücksichtigen.
Wie können wir sicherstellen, dass die Nutzung von KI allen Beteiligten von den Erstellern bis zu den Nutzern von Inhalten zugutekommt, und zugleich den geltenden Grundsätzen und Werten des Journalismus treu bleiben?
Der Kampf gegen Fake News
Aktuellen Recherchen von Reuters zufolge prüfen derzeit nahezu drei Viertel der Medienunternehmen, wie KI mit Sprach- und Gesichtserkennungs- oder Edit-Korrekturanwendungen die effiziente Erstellung und Verteilung von Inhalten erleichtern kann. Nachrichtenagenturen wie Bloomberg sind für die Standardberichterstattung (wie z. B. Finanzmarktberichte) bereits auf Automatisierung angewiesen, damit Journalisten mehr Zeit für andere Themen haben. Schätzungen zufolge dürften 2027 90 % aller Artikel weltweit KI-basiert erstellt werden.
KI birgt ein klares Potenzial für die positive Transformation der Nachrichten- und Inhaltsproduktion und wird in den kommenden Jahren eine zentrale Rolle bei der Entscheidung übernehmen, welche Inhalte wir wahrnehmen und lesen. Aber wie viel Macht und Einfluss sollte KI erhalten? „Denkende“ Technologien werden zwar zusehends nützlicher, dennoch sollte man sie an gewissen ethischen Grundsätzen ausrichten. Dem kommt insbesondere bei der Bekämpfung von Fake News eine wichtige Rolle zu.
Maschinelles Lernen (ML) ist als die Wissenschaft von Computern definiert, die unter minimalem menschlichen Eingriff anhand von Daten, Mustererkennung und Entscheidungsfindung lernen, und ist für die KI-basierte Bekämpfung von Fake News von zentraler Bedeutung. Damit sollen Maschinen perspektivisch ihre Leistung steigern und schrittweise autonom werden. Es überrascht daher wenig, dass KI genutzt wird, um Inhalte automatisch zu generieren und auszuwählen.
Um die KI-Genauigkeit zu verbessern, müssen die ML-Algorithmen jedoch zunächst vom Menschen trainiert und programmiert werden. Dieser Schritt ist ungemein wichtig, denn Maschinen ohne menschlichen Input mangelt es an grundlegenden menschlichen Fähigkeiten wie gesundem Menschenverstand, Einsicht und kontextabhängiger Betrachtung der Dinge. Das bedingt viele Schwierigkeiten, wenn es darum geht festzustellen, ob eine Information wahr oder falsch ist. Nachrichtenagenturen, die KI ohne jeden menschlichen Input (d. h. Kontext) freie Hand lassen, riskieren, dass die Grenze zwischen Nachricht und Meinung verschwimmt, und leisten Fake News damit potenziell Vorschub, statt sie einzudämmen.
Personalisierung ohne Filterblasen
Wie Streamingdienste wie z. B. Netflix mit Programmempfehlungen ausgehend von dem individuellen Nutzungsverlauf und Verhalten gezeigt haben, können personalisierte Inhalte die Qualität für die Nutzerseite steigern. Auch Medienunternehmen sind keine Ausnahme und nutzen KI bereits, um der Nachfrage nach Personalisierung zu entsprechen.
Beispielsweise lernt James, ein relativ neuer Empfehlungsdienst, den The Times und Sunday Times für News UK entwickelt haben, individuelle Vorlieben und personalisiert davon ausgehend automatisch Format, Zeitpunkt und Häufigkeit jeder Ausgabe. Das Grundprinzip: Die Algorithmen werden von Menschen programmiert, mit der Zeit aber vom Computer selbst verbessert, der nach einem Satz vereinbarter Ergebnisse arbeitet.
Die algorithmische und damit automatische Auswahl der Inhalte, die Nutzern auf bestimmte Weise angezeigt bzw. nicht angezeigt werden, kommt zwar der nutzerseitigen Nachfrage nach Personalisierung nach. Sie kann jedoch auch zu weit gehen. Was, wenn Nutzer nur noch die Nachrichten hören und lesen, die sie hören und lesen möchten, statt sich über das zu informieren, was tatsächlich um sie herum und in der Welt vorgeht?
Dieses meist als „Filterblase“ bezeichnete Phänomen, bei dem Plattformen Algorithmen entwickeln, die die Nutzer binden, kann dazu führen, dass diese ausschließlich Inhalte wahrnehmen, die ihre Überzeugungen und Meinungen bestätigen. Medienunternehmen haben die Pflicht, für ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen der Bereitstellung maßgeschneiderter Inhalten für Nutzer, die ihren besonderen Interessen und Bedürfnissen entsprechen, und einer sachlichen Berichterstattung zu sorgen.
KI eröffnet vielversprechende Möglichkeiten, aber wie jede Medaille hat auch sie zwei Seiten. Wir müssen sicherstellen, dass der Einsatz von KI allen Beteiligten von den Erstellern bis zu den Nutzern von Inhalten zugutekommt – und zwar unter Wahrung der Ethik und der Grundsätze und Werte des Journalismus. Dazu müssen wir Medienunternehmen in die Pflicht nehmen und die Ethik zur Grundlage der KI-Nutzung machen. Das bedeutet, dass der Mensch alles tun muss, um sicherzustellen, dass KI aus gutem Grund und unter Wahrung von ethischen Grundsätzen und Kontrolle eingesetzt wird – vom richtigen Training bis zur Transparenz bei der Datenerfassung. Andernfalls kann KI auf lange Sicht mehr Probleme verursachen, als sie für Medienunternehmen löst.